Solo Show „Wolfgang Flad. somewhere in between“

24.08.2018 - 30.09.2018

FeldbuschWiesnerRudolph Galerie, Berlin

Wolfgang Flad im Gespräch mit Celina Basra
Strukturen die ich schaffe sind sehr persönlich ...
Der in Berlin lebende Bildhauer Wolfgang Flad entwickelt mit seinen dynamischen Skulpturen komplexe Raumerzählungen: stets generieren die organischen Formen einen Raum, der sich dem Betrachter simultan öffnet und entzieht, und bilden einen unendlichen Energiekreislauf. Oszillierend zwischen organisch und geometrisch, sind sie Zelle, Körper, Raum, Netz und Linie zugleich, und entstehen stets aus einem sehr persönlichen Impuls des Künstlers. In einer intuitiven Arbeitsweise, die die klassische Figuration traditioneller Auffassungen von Bildhauerei überwindet und dennoch aus ihrer Komplexität heraus entwickelt wird, bricht Wolfgang Flad das Volumen der Skulptur auf und lässt den Kern einer Form stehen: ihre Essenz. Diese Urform steht nie still, sondern ist in ständiger Transformation begriffen. Seine Materialien sind Holz, Pappmaché, Lack und Metall; ein wichtiger Einfluss ist die Arte Povera-Größe Giuseppe Penone mit seiner Rückführung industriell bearbeiteter Materialien zu ihrem natürlichen Ursprung.
Für FeldbuschWiesnerRudolph choreographiert Wolfgang Flad eine vielschichtige Narrative aus neuen Reliefs, Skulpturen und raumgreifenden Installationen, die seiner Praxis eine weitere Dimension hinzufügen: jene Formen, die ehemals die Sockel der Figuren bildeten, werden nun vergrößert und auf ihre rechteckigen Rahmen reduziert – sie werden zu eigenständigen minimalen Anordnungen choreographiert, die eine Bühne für die dynamischen Skulpturen bilden und zugleich neue Räume generieren.
Wo findest Du den Impuls für Deine Arbeiten – was zum Beispiel ist das Urbild der bewegten Formen Deiner Reliefs?
Das ursprüngliche kreative Moment meiner Arbeit bleibt hier für den Betrachter unsichtbar. Meist am späten Abend und in vollkommener Ruhe arbeite ich an Skizzen, die Vorbilder für die Strukturen der Reliefs sind. In schwarzer Farbe auf weißen Papier, mit einem breiten Pinsel, vollkommen automatisiert und aus dem Moment heraus. Zu Beginn waren es unkontrollierte Farbspritzer und -tropfen, mittlerweile sind es schnell geführte grobe Pinselstriche. In einem guten Flow ist der gesamte Studioboden schließlich von Skizzen bedeckt. Ich wähle jedoch nur einige wenige aus – der Rest wird als Pappmaché für die Haut meiner Skulpturen recycelt. So bleibt das Material im Fluss. Die ausgewählten Skizzen projiziere ich vergrößert auf Holztafeln, die in zahlreichen Schichten farbig lackiert sind, und fräse sehr sorgfältig die Formen nach, die schließlich als topografische Linien in den Vertiefungen im Holz erscheinen.
Gibt es für Deine künstlerische Praxis eine Bezugsgröße in der Kunstgeschichte?
Ein Werk, das mich nachhaltig fasziniert, ist eine Skulptur des Arte Povera-Künstlers Guiseppe Penone: ein senkrecht aufgestellter industriell bearbeiteter Holzbalken, aus dem er die Natur herausholt und wieder zum Vorschein bringt – in Form eines zart herausgearbeiteten Astes. Der Gegensatz zwischen geometrischer und organischer Form und die Kraft dieser simplen Geste hallen immer noch in mir und meiner eigenen Arbeit nach. Ebenso Penones besonderes Verständnis von Energie und Natur. Sie bilden einen wichtigen Impuls für meine skulpturale Arbeit.
Den Kern meiner Skulpturen bilden Dachlatten, die ich mit Pappmaché aus recycelten Skizzen und Kunstmagazinen umschließe und in mehreren Schichtungen lackiere – sie werden zu Figuren, die im Raum verspannt sind. Fast scheint es, als wäre eine figurative Skulptur abgebürstet worden, bis nur noch das Skelett da steht: eine Essenz der Form. Ein anderes Bild, das mir vor Augen ist, sind Zellen – ihre Mebranen und Filamente –, die den Ursprung jeglichen Lebens bilden. Sie bilden das energetische Gerüst, ohne das wir nicht existieren können. Ein Netz, das alles verbindet. Die Natur wieder herauszuarbeiten, aus Elementen, die bereits industriell verarbeitet worden sind, das interessiert mich ebenso wie Penone.
Arte Povera brach radikal mit traditionellen Medien und wollte zurück zu jenen Prozessen der Natur, des Wachstums und des Alterns, die sowohl Bäumen als auch Menschen gemein sind. Deine Skulpturen bilden komplexe Raumerzählungen, die organisch zu wachsen scheinen. Wie entstand Deine besondere Herangehensweise an Bildhauerei?
Tatsächlich entstand meine Auffassung von Bildhauerei nicht im Studium. Ich habe schon früh sehr selbstständig gearbeitet, abseits der Klassen der Kunsthochschule, und meine eigene Herangehensweise an Skulptur entwickelt, die wenig mit klassischer Bildhauerei gemein hat. Es ging mehr um eine direkte Übertragung der Bilder aus meinem Kopf in den Raum – eher Emotion als Ratio.
Die Assoziationen, die meine Skulpturen und Reliefs wecken können, sind komplex: nicht nur der menschliche Körper und seine Bewegungsabläufe, sondern auch ephemere Phänomene der Natur – doch tatsächlich entstehen die Formen zunächst nur aus mir heraus. Ich sehe die Dynamiken und Formen vor meinem inneren Auge und gehe dann von diesem Impuls aus, indem ich direkt mit und in dem Holz arbeite. Ich sehe zuerst immer eine Emotion, die ein Bild erzeugt, keine konkrete oder reale Form. Für mich sind die Strukturen, die ich schaffe, sehr persönlich.
Ausgehend von dem in deinem Werk allgegenwärtigem Gegensatz von geometrisch und organisch: wo positionierst Du Dich auf einer Linie zwischen Kontrolle und Loslassen?
Immer im Loslassen, im Weitergehen und im Fluss. Ich sehe nach vorn. Mich interessiert nur die Gegenwart. Ich schaue auch in meiner Arbeit selten zurück. Wenn meine Arbeiten nach Ausstellungen zurück zu mir ins Studio kommen, kann es passieren, dass ich sie neu verarbeite, und – ebenso wie die Skizzen – „recycle“.
Ich interessiere mich lediglich für die Art von Kontrolle als geführter Bewegung, die es beispielsweise in der Kampfsportart Aikido gibt: hier werden mit dem eigenen Körper Energien des Gegners nutzbar gemacht und weich umgeleitet, kaum merkbar und dennoch effektiv. Mich interessiert der Energiekreislauf des Lebens: Energie, die in Materie und Form übergeht und wiederum resultierende energetische Prozesse anstößt. Rituale und Kreisläufe, die fliessen und durchbrochen werden.
In welche Richtung geht es mit Deinen neuen Arbeiten: welche Prozesse werden fortgeführt, welche Motive erscheinen neu?
In der Vergangenheit habe ich meine Skulpturen auf Sockeln positioniert, die ich speziell für jede einzelne Form angefertigt habe. Sie waren für mich integraler Bestandteil der Skulptur. Für die Ausstellung in der Galerie konstruiere ich nun rechteckige Räume, die lediglich aus ihren begrenzenden Rahmen und Linien bestehen und somit offen und transparent sind – darin positioniere ich die organischen Skulpturen. Sockel werden also zu Fragmenten neuer Räume. Sie werden angedeutet, nicht ganz ausformuliert. Und doch strukturieren sie den Galerieraum entscheidend, und bestimmen unsere Wahrnehmung der Skulptur. Wichtig ist mir auch in der Weiterentwicklung meiner Arbeit eine fortlaufende Logik: alles hat mit allem zu tun.
Wolfgang Flad in conversation with Celina Basra
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The structures that I create are very personal ...
With his dynamic sculptures, Berlin sculptor Wolfgang Flad develops complex spatial narratives: The organic forms are perpetually in the process of generating a space that simultaneously opens and withdraws from the viewer, creating an infinite energy cycle. Oscillating between organic and geometric, the forms are cell, body, space, network and line at once, and always come directly from the artist – from very personal reactions. Using an intuitive approach that transcends the traditional figure-based conceptions of classical sculpture, but that is nonetheless developed from its complexity, Wolfgang Flad disrupts the notion of sculpture as volume, instead focusing on bringing out the core of a form: its essence. This original form never stands still but is in a state of constant transformation. The artist’s materials include wood, paper mache, paint and metal. An important influence on Wolfgang Flad is Giuseppe Penone. A major name in Arte Povera, Penone is known for taking industrially processed materials back to their natural origin.
For FeldbuschWiesnerRudolph, Wolfgang Flad choreographs a multilayered narrative of new reliefs, sculptures, and room-spanning installations that add another dimension to his work: The forms once used to make the pedestals for the figures are now enlarged and reduced to their rectangular frames; they are choreographed, creating minimal arrangements that form a stage for the dynamic sculptures while simultaneously generating new spaces.
What inspires you to make your works? What, for example, is the image you originally had in mind when you conceptualized your reliefs as moving forms?
For these works, the original creative moment is something the viewer can’t see. The sketches for the structures behind these reliefs: That’s usually something I do late at night when I have complete peace. Using the color black and white paper, I take a wide brush and work spontaneously – I’m on autopilot. At the beginning, it was all about uncontrolled splashes and drops of color. Meanwhile, I use fast, rough brushstrokes. When I’m on a roll, the whole studio floor ends up covered with sketches. But I only select a few – the rest is recycled and turned into paper mache, which is then used to create the skin for my sculptures. The material remains in flux. I take the sketches I have selected and project enlarged versions of them onto wood boards that are painted with several layers of color. Then I mill the forms very carefully; these are the forms that ultimately become the topographic lines in the wood’s recesses.
Is there a predecessor in art history for your approach?
There’s a sculpture by Arte Povera artist, Guiseppe Penone, that permanently fascinates me. It’s a vertically positioned, industrially sawn wood beam; Penone takes the wood back to its natural aspect – in the form of a carefully crafted branch. The contrast between geometric and organic forms and the power of this simple gesture is something that still resonates with me and in my own work. The same goes for Penone’s understanding of energy and nature. These are important sources of inspiration for the type of sculptural work I do.
At the core of my sculptures are roof slats, which are wrapped in paper mache that is made from recycled sketches and art magazines and painted with several layers of color – these are used to create room-spanning figures. They almost look like figure sculptures that have been brushed down to such an extent that only the skeleton is visible: an essence of form. Another image I have in mind is that of cells – their membranes and filaments – which are the source of all life. They form the energetic framework without which we cannot exist – a network that connects everything. Penone and I are both interested in taking industrially processed elements and bringing out their natural aspect again.
Arte Povera broke radically with traditional media and wanted to return to nature, growth and aging – processes that are shared by both trees and humans. Your sculptures form complex spatial narratives that seem to grow organically.
How did your particular approach to sculpture come about?
My approach to sculpture didn’t come about at school. Early on, I already started working on my own a lot. I did more than just attend art school classes. As a result, I developed my own approach to sculpture that has little in common with classical sculpture. It was more about directly translating the images in my head and realizing them in space – more emotion than proportion.
My sculptures and reliefs can generate complex associations that not only make reference to the human body and its movements, but also to the ephemeral phenomena of nature. The forms, however, initially come from me; they emerge from me. I see the dynamics and shapes in my mind’s eye. Then I just follow my instincts and work directly with and in the wood. I initially always see an emotion, which creates an image, not a concrete or real form. For me, the structures that I create are very personal.
Given the ever-present contrast between geometric and organic in your work, where do you position yourself on a scale ranging from control to letting go?
Always with letting go, with moving forward and going with the flow. I look ahead. I’m only interested in the present. When I’m working, I rarely look back. After exhibitions, when my works are returned to my studio, I might rework them and recycle them – like I do with the sketches.
The only type of control that interests me is guided movement, which you find, for example, in a martial art like Aikido, where it’s about harnessing your opponent’s energy, subtly redirecting it in a way that’s barely perceptible yet effective. I’m interested in life as an energy cycle: as energy that changes into matter and form, which, in turn, initiates other energetic processes. I’m interested in rituals and cycles that flow and are disrupted.
In what direction are your new works going? Which processes do you plan to continue working with? Are you introducing new motifs?
In the past, I positioned my sculptures on pedestals that I made specifically for each individual form. They were an integral part of the sculpture for me. For the exhibition in the gallery, I’m building rectangular spaces that only consist of the lines created by the frames, which means that they are open and transparent; I position the organic sculptures inside these spaces. What ends up happening is that the pedestals become fragments in the new spaces. The pedestals are implied, but not fully formulated. And yet they structure the gallery space decisively and determine the way we see the sculpture. In the process of developing my work, it’s also important to me that I retain a sense of ongoing logic: Everything is related to everything else.

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